Abschied

Liebe Smoky, Barbara, Sabina, liebe Familienmitglieder und Trauergäste!

„Begraben müssen wir Cäsar“ – und ich wähle die Eröffnungszeile der Grabrede Marc Antons nicht nur wegen Rupert‘s Cäsarenprofil. Rupert Riedl war cäsarisch in seiner Ausstrahlung, aber auch in der Weise seine Mitwelt zu polarisieren in begeisterte Anhänger und unverständige Gegner. Nur gleichgültig konnte man ihm gegenüber nicht sein.

Vielleicht erwarten Sie, dass ich seine Verdienste um die Etablierung und Entwicklung einer Meeresforschung in Österreich würdige. Ich bin sehr froh, dass diese Würdigung noch erfolgen konnte, als Rupert Riedl noch lebte. Im August dieses Jahres versammelten sich über 200 Meeresbiologen aus der gesamten Welt um während des 40. Europäischen Meeresbiologie Symposium seinen 80. Geburtstag zu feiern. Obwohl Rupert Riedl nicht mehr daran teilnehmen konnte, war er durch seine Familie mit dieser Ehrung verbunden.

Ich möchte einen anderen Aspekt von Rupert Riedls Einfluss auf seine Umwelt darstellen: seine Wirkung auf eine Generation von Biologen, die das Privileg hatten, zu seinen Schülern zu zählen. Große Menschen hinterlassen ihre Spuren nicht nur durch ihre eigenen Leistungen, sondern auch in den Köpfen und Charakteren der Personen, mit denen sie interagieren. Wir, seine Studenten, nannten Rupert Riedl den „Meister“ und uns seine „Schüler“ („disciples“, not „students“) und ließen uns stolz und selbstbewusst dafür verspotten, in dem Bewusstsein, dass keiner unserer anderen akademischen Lehrer diesen Titel verdient hätte.

Wie alle großen Persönlichkeiten war Rupert Riedl kein einfacher Mensch. Wie heißt die nächste Zeile der Marc Anton’schen Grabrede „nicht ihn preisen“. Er war sparsam mit Lob und sarkastisch in der Kritik. Seine Zornesausbrüche waren Legende. Er war von großer Ungeduld gegenüber Dummheit, Faulheit und Unfähigkeit – und er machte kein Hehl daraus. Er verabscheute Mittelmäßigkeit und ließ es allen wissen, die er dafür hielt. Er war seiner Welt drei Jahrzehnte voraus und teilte dies freimütig allen mit. Es ist nicht verwunderlich dass ihm dies bei vielen „ehrenwerten Männern“ keine Freunde schuf. Aber für uns, seine Schüler, war dies ein ungeheurer Antrieb stets unser bestes zu geben, weil wir wussten, dass es für ihn nie gut genug sein würde.

Rupert Riedls Dominanz war zeitweise übermächtig. Bei jedem Treffen seiner Schüler war es unvermeidlich, dass nach spätestens einer halben Stunde das Gespräch um ihn kreiste. Er war der einzige Mensch, der mir als Erwachsener vor Wut die Tränen in die Augen trieb, weil ich mich von ihm ungerecht behandelt und missverstanden fühlte.

Aber das alles erscheint unwichtig gegenüber dem Geschenk mit einem Menschen zu arbeiten, der Visionen hatte, der uns den Wert von Lebensplanung beibrachte, uns in die Internationalität führte, als viele unserer Alterngenossen noch die „häusliche Umnachtung“, wie er es zu nennen pflegte, vorzogen. In den vielen Jahren, die ich Rupert Riedl’s Assistent in den USA und Österreich war, hat er immer meine wissenschaftliche Weiterentwicklung gefördert, sich nie in meine Forschung eingemischt und mich nie als Zuarbeiter für seine wissenschaftliche Arbeit verwendet, ein Schicksal, dass viele Assistenten an der Universität erlitten. Für diese Freiheit bin ich ihm dankbar – und auch für die Kontrolle durch seine Qualitätsmaßstäbe, die zu unterschreiten für uns undenkbar war.

Rupert Riedl hat sich nie gescheut, sich für eine ihm wichtige Angelegenheit zu exponieren. Sein Engagement in Umweltbelangen und in den letzten Jahren seine Kritik an der unheiligen Allianz von Wissenschaft und Wirtschaft haben ihm auch viele Gegner geschaffen. Rupert Riedl war sich dessen bewusst und voll Vorsicht gegenüber Menschen seiner Umgebung. Mancher vermeintliche Brutus war jedoch nur ein wohlmeinender Widerspruchsgeist.

Ich möchte Rupert Riedl danken, für seinen Einsatz für eine menschliche Form der Gesellschaft, für eine Umwelt welche die Bedürfnisse der Menschen mit denen aller anderen Kreaturen verbindet, für seinen Einfluss auf das intellektuelle Klima in unserem Land, für die Leistung in einem Binnenland das Fach Meeresbiologie als anerkannten Wissenschaftszweig zu etablieren und nicht zu letzt dafür, dass ich einen Teil seines Weges mitgehen durfte.

Grabrede von Jörg Ott, Wien am 3.10.2005

Ein Nachruf, ebenfalls von Jörg Ott, ist in der Zeitschrift Marine Ecology erschienen.

Liebe Familie Riedl, liebe Trauergäste, lieber Rupert!

Du hast von 2 glücklichen Umständen in deinem Leben gesprochen. Einmal deine Skrupel, die dich immer wieder fragen ließen, in welchem Rahmen das, was du tust, einen Sinn haben könnte. Ein zweites Mal vom Glück, ungemein gescheite Freunde zu haben, die dir Gebiete aufgeschlossen hatten, die du ansonsten scheu umgangen hättest.

Nun kann man als Schüler umgekehrt von unermesslichem Glück sprechen, dass du uns als Lehrer mit diesem Skrupel des Hinterfragens angesteckt und uns Gebiete aufgeschlossen hast, die wir nicht nur umgangen hätten, sondern die wir alleine gar nicht gefunden hätten. Die dabei entstandene Weltsicht war einerseits so faszinierend, dass sie Studenten und Leser großen Eindruck machte, gleichzeitig aber durch einen festen Anker so stabilisiert, dass man darin nicht verloren ging oder in die Irre kam. Dieser feste Anker war die Biologie, die—wie du betontest—in der Mitte alles zusammenhält und aus der heraus alles abgeleitet werden kann.

Wenn sich das Fach in den letzten Jahrzehnten enorm ausgedehnt hat, von den Bedingungen der Materie bis zu den Mängeln unserer Vernunft, dann hattest du dabei einen unschätzbaren Anteil. Ich wage sogar zu sagen, dass du dabei einen Bogen gespannt hast, der noch um ein wesentliches Stück größer und mutiger war als jener deines verehrten und geliebten Konrad Lorenz. Während dieser von der Ethologie ausgehend die Evolutionäre Erkenntnistheorie aufschloss, dabei aber die Mechanismen der Evolution unhinterfragt als gegeben annahm, bist du noch einen bedeutenden Schritt weiter gegangen, zurück zu den Wirkzusammenhängen und Bedingungen der Evolution selbst. Lorenz hat dich anlässlich deines 60. Geburtstages dafür gewürdigt, dass du die EE kraft deiner Einsichten in die Ursachen und Mechanismen des großen organischen Werdens, in die Ordnung des Lebendigen, gestützt und erweitert hast, wie es keiner der anderen immer wieder genannten Begründer, von Boltzmann, Mach, Popper, Vollmer bis zu ihm selbst vermochte. Dabei hast du auch noch, wie er sagte, die Herkulesaufgabe unternommen, die Spaltung des modernen Weltbildes in Natur- und Geisteswissenschaften vom Standpunkt der EE aus zu überwinden.

Es zeichnet den großen Denker und Naturforscher aus, trotz des Blickes auf das Ganze, trotz des Strebens nach Synthese und Überwindung von teils Jahrhunderte alten Denktraditionen, jedes Element des Gedankengebäudes durch fundierte und systematische Forschung abzusichern. Wenn du also die menschlichen Denkmuster als das Produkt der Evolution verstandest, dann bemühtest du dich in wahrer hermeneutischer Tradition auch um das Erklären des Zustandekommens, der Funktionsweise und der Ausprägungen kognitiver Leistungen. Es genügte dir nicht, viele menschlichen Denkmuster als Adaptierungsmängel der Vernunft zu verstehen, sondern du wolltest wissen, wo genau sie herkommen, wann und wo sie entstanden, in welchen Funktionskreisen sie eingebettet sind, und wie man sie schließlich überwinden könnte. Diese so genannten ratiomorphen Anteile unserer Vernunft aufzuspüren und sie mit den rationalen zu vergleichen war eines der erklärten Forschungsziele deines Spätwerks. Auch dabei warst du Pionier, weil du viel früher und sogar noch viel weitsichtiger als die modernen evolutionären Psychologen die menschlichen Denkmuster des Für-Wahr-Nehmens, der Kausalität, des Begreifens und Verstehens, kurzum jene kantischen A priori, die gemeinhin als die Säulen der EE gelten, im Tierreich aufzuspüren begannst.

Für uns junge Schüler war es eine Herausforderung, aus diesen großen und ehrwürdigen Theorien kleine und vor allem lösbare empirische Fragestellungen heraus zu destillieren. Zurück aus dem Hörsaal, wo du am Montag den Anfängerstudenten, am Dienstag Abend den Ordinarien, und am Mittwoch Abend dem interessierten Wiener Publikum deine neuen Einsichten vortrugst, saßen wir im Privatissimum um dich geschart und versuchten in zunächst durchaus amateurhafter Manier den Forellen, Schleimfischen, Krallenäffchen und Tauben jene kleinen Antworten zu entlocken, die wir zur Synthese der großen benötigten. So wie du keine Scheu hattest, am Katheder des zoologischen Hörsaales oder in der Altenberger Runde in das Gebiet der Philosophie vorzudringen, hattest du auch keine Berührungsängste zur experimentellen Psychologie und Ethologie. Mit der Notwendigkeit, uns autodidaktisch Methoden anzueignen, die in den großen amerikanischen Lernlabors entwickelt und tradiert wurden, hast du uns gezwungen, aus den vielen anfänglichen Fehlern heraus diese Methoden schrittweise zu verbessern und dabei wirklich von Grunde auf zu verstehen. Mit der lapidaren Feststellung, “Nun springt der Aff’ ins kalte Wasser” hast du uns vorwärts gebracht, getreu dem Vers von Piet Hein: “The way to wisdom? Why, it’s plain, and easy to express: to err, and err, and err again, but less, and less and less.”

An deiner Hand konnten wir dabei nicht nur stetig wachsen und reifen, du gabst uns auch den nötigen Beistand, eine neue und zunächst sicherlich kritisch betrachtete Forschungsrichtung innerhalb der Zoologie zu etablieren. Du hast uns dabei auch stets die nötige Motivation und Inspiration gegeben, hast uns international bekannt gemacht, mit deinen Empfehlungen langsam auch Respekt verschafft, und schließlich dank der Faszination, die du auf Studenten ausgeübt hast, für stetigen Nachwuchs gesorgt. Überwältigend war dabei nicht nur was du gesagt oder geschrieben hast, sondern auch wie. Deine bemerkenswerte Diktion, dein nobles Auftreten, dein Humboldtsches Wissen und deine unstillbare Neugier, mit der du etwa selbst im hohen Alter noch beachtliche Computerkünste erwarbst, haben dir als Mensch und Wissenschafter Größe und Würde verliehen. Uns hast du gefordert, aber auch nach Kräften gefördert. Selbst nach deiner Emeritierung und als deine Präsenz in der Öffentlichkeit, dein Umweltengagement, deine diversen Präsidentschaften und Institutsgründungen die Zeit in der Abteilung für Theoretische Biologie zunehmend einengte, war dir unsere Entwicklung wichtig. Und noch vor einem Jahr, also solange es dir physisch möglich war, hast du deine beiden Vorlesungen gehalten, vor ambitionierten jungen Studenten. Ich sehe noch ihre leuchtenden Augen bei den Vorbesprechungen, zu denen ich dich begleiten sollte, und erinnere mich dadurch, welche große Wirkung du auch auf mich als Student ausgeübt hast. In den 20 Jahren an deiner Seite, Tür an Tür, in denen ich nahezu osmotisch deine Einsichten und Perspektiven aufnahm, Höhen und Tiefen miterlebte, dich in Vorlesungen assistiert und bei Sitzungen vertreten, zu Konferenzen begleitet und den Alltag geteilt habe, blieb diese Wirkung ungeschwächt.

Es ist dir Recht zu geben, dass Schüler schlechte Kritiker sind. Und auch nicht alles mitnehmen und weitergeben. Viele deiner Schüler haben sich zu neuen Ufern aufgemacht und sich dabei von dir entfernt. Aber du hast uns jene Tugenden vermittelt, auf die es ankommt, will man einmal an der Front selbst stehen und bestehen. Auf alles kann man verzichten, nur nicht auf Niveau. Du hast uns ein Bild von Wissenschaft vermittelt, das nicht in allen Einzelheiten überdauern wird, aber in der Intention allem zukünftigen standhalten wird. Du hast uns ermutigt, dass die Wissenschaft überall gerechtfertigt ist, was immer für einen Winkel dieser Erde oder der menschlichen Seele man durchleuchtet. In treuem “Iurare in verba magistri” haben wir durch dich den Wert von Theorien verstanden, von Inter- und Transdisziplinarität, von Längsschnittforschung quer zu den institutionalisierten Disziplinen, den Gefahren des Reduktionismus, von Kritikfähigkeit und dem Widerstand gegenüber der Selbstverständlichkeit und der Ignoranz. Du hast uns vorgelebt, dass nur die Verbindung von Kreativität und Disziplin, von Inspiration und Fleiß, von Mut zu großen Ideen und der Pflicht, sich die Stiefel nass zu machen, von Theorie und Empirie, von gesprochenem und geschriebenen Wort, von Forschung und Lehre, von Natur- und Geisteswissenschaft, von Erklären und Verstehen, von Ausbildung und Bildung, vom Engagement in Wissenschaft und Gesellschaft, wahrem Fortschritt dient. Zwar muss man Meister seines Faches sein, um ernst genommen zu werden und sich notfalls Widerstand leisten zu können, aber sein Fach und sogar sich selbst, das heißt, die Art und Weise wie man zu Einsichten kommt, zu hinterfragen, war nicht nur mutig, sondern hat selbst wohlmeinende Kollegen irritiert. Dein wissenschaftliches Opus war demgemäß gekennzeichnet vom Denken über das Denken. In einer Welt voll Macher und Praktiker, voll Spezialisten und Ökonomisten, von Modularisierern und Molekularisierern, musstest du zwangsläufig anecken, um den Zugzwängen der heutigen Mainstream-Wissenschaft und der ökonomisierten Gesellschaft zu entgehen.

Was bleibt? Was ist dein Vermächtnis? In denen, die dich kannten, von dir lernten, mit dir forschen und diskutieren durften, ein Mensch und Vorbild, der kaum vergessen werden kann. In dem wir an dir Maß nehmen konnten hast du uns geprägt. Vielleicht weniger im Worüber wir forschen als im Wie. Aber selbst allen, die dich nicht selbst kannten, selbst hören konnten, selbst von dir lernen oder mit dir arbeiten konnten, bleibt dein Opus in Schriften, besonders in mehr als 2 Dutzend Büchern, und ermöglicht, ja fordert auf, sich mit deinem Lebensentwurf, deinem Weltbild, den Einsichten und Folgerungen, auseinanderzusetzen.

Vielleicht kommt man in der nachträglichen Betrachtung deines Lebens zum Urteil, dass du über allem ein Ethiker warst, der das „Wie sollen wir leben?” zumindest implizit gemeint hat, wenn er über das „Was können wir wissen?” nachdachte. Zwar hast du erst am Ende deines Lebens die Schlusskapitel deiner Werke mit dem Titel „Was getan werden kann” versehen. Aber lange schon und immer öfter hast du Bert Brecht zitiert, der seinen alternden Galilei sagen lässt: „Ich halte dafür, dass das einzige Ziel des Wissenschaft darin besteht, die Mühseligkeiten der menschlichen Existenz zu erleichtern.” Und dann fügtest du hinzu: „So empfinde ich, ist es. Vor allem, wenn man auch unserem Suchen und Verteidigen der Wahrheit eine Funktion im Vorfeld dieses Zieles einräumt. Bislang hat mein Fach, die Biologie, ihre humanitäre Funktion fast nur in jenem Vorfeld erfüllen können. Denn direkt auf den Menschen hat sie erst über die Medizin gewirkt, über Agronomie und Pharmazie. Erst jüngst, seit Konrad Lorenz, kann auch sie unmittelbar dazu beitragen, unsere Mühseligkeiten zu erleichtern. Dabei geht es nicht um die Plagen, welche uns die Mängel unseres Körpers einbringen, nicht einmal um jene der Psyche. Sie zu heilen ist Sache der Ärzte. Vielmehr soll von den seelischen Mühseligkeiten die Rede sein, von den Gefahren, ja Lebensbedrohungen, welche wir unserem so flachen wie widersprüchlichen Menschenbild zu verdanken haben; von den Möglichkeiten der Heilung eines zutiefst gespaltenen Weltbildes unserer Kultur, welche die wahren und kollektiven Ängste dieser geplagten Menschheit zuzuschreiben sind.”

In dem wir dich lesen und in diesem Geist leben, lebst du fort. Der Dank ist tief in unserem Herzen.

Trauerrede von Ludwig Huber, Wien am 3.10.2005